Wie viel Rivalität muss sein?

Unsere beiden Mädels sind knapp drei Jahre auseinander. Als Ella auf die Welt kam, war Klara gerade 3 Jahre alt. Sie hat viele Fragen gestellt, als das Baby in meinem Bauch wuchs, hat alles aufmerksam verfolgt und war ganz gespannt, was da wohl kommen sollte. Sie erzählte jedem voller Vorfreude, dass sie nun große Schwester werden und bald das Baby da sein würde. Das Baby kam – und Klara war stolz. Weiterhin und für eine lange Zeit.

Mit den Kleinen war noch alles prima

Das funktionierte gut, denn das Baby war süß und wollte noch nicht all zu viel. Im Gegenteil: Klara wollte natürlich zeigen, dass sie schon groß war und dem Baby Gutes tun. Das war schön mit anzusehen. Keine Eifersucht auf das Baby oder große Dramen, weil in manchen Augenblicken das Baby Vorrang hatte. Läuft ja wie am Schnürchen – dachten wir.

Und dann kam die Zeit, zu der das große Kind sich verabredete und natürlich gerne ungestört mit dem Gastkind spielen wollte. Damals – noch in einem gemeinsamen Zimmer – hieß das für uns Eltern, dem großen Kind den Rücken freizuhalten.

Einer nach dem anderen – und doch gemeinsam unterwegs.

Unsere Aufgabe als Eltern war es, jedem Kind Aufmerksamkeit zu schenken. Wir haben immer versucht, mit den Kindern einzelne Erlebnisse zu schaffen, Besonderheiten für jedes Kind individuell herzustellen, um beiden gerecht werden zu können. Dabei geht es gar nicht unbedingt immer um viel Zeit, sondern darum, die Kinder zu sehen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie genauso, wie sie sind, wichtig und richtig sind. Das war eine schöne Zeit, als beide noch recht klein waren und der Wortschatz der Kinder noch begrenzt.

Und dann irgendwann wurde es ein bisschen komplizierter. Plötzlich ging es nicht mehr um das süße Baby oder darum, Eifersucht zu vermeiden. Auf einmal ging es um mehr: Gerechtigkeit. Große pathetische Gerechtigkeit. Kindergerechtigkeit.

Plötzlich muss man sich für alles rechtfertigen

Und auf einmal ist man als Eltern anders gefordert: Es ist nicht mehr damit getan, die Kinder wertzuschätzen, sondern darüber hinaus hat man nun Erbsenzähler im Kleinkindalter und muss sich rechtfertigen, warum der eine mehr Saft hat als der andere. Man kommt in Erklärungsnöte aufgrund eigener Unbedarftheiten. Es wird kritisch beäugt, und die Kindergartensheriffs fackeln nicht lange, die Ungerechtigkeitskeule rauszuholen und die sich bis dahin in Sicherheit wiegenden Eltern damit mühelos niederzuringen.

Kleine Geschwister halten meist noch mehr zusammen.

Und dieses Level, muss ich sagen, ist anstrengend, nimmt andere Facetten an, je älter die Kinder werden, und man kommt in Rechtfertigungsnöte, die man sich niemals vorgestellt hätte. Im Übrigen – unsere Kinder sind aktuell 10 und 7 – gehe ich davon aus, dass wir dem Endgegner noch nicht gegenüberstehen.

Mit wachsendem Wortschatz und gestärkter, wertgeschätzter Persönlichkeit geht es nun auch in den geschwisterlichen Zweikampf, bei dem nicht immer alle Augen trocken bleiben. Hier ist nur eines sicher: Wer als Elternteil den Fehler begeht, sich einzumischen, der wird selbst zur Zielscheibe und ist letztlich, nach wundersamer sprichwörtlicher Verbrüder- bzw. Verschwesterung der Rivalen, in plötzlich erlangter Einigkeit der eigentliche Missetäter und an allem Schuld.

Versuchen, sich aus vielem rauszuhalten

Hoffen wir also, dass es ist, wie die Zeitungen titeln: Geschwister stärken einander im Vertreten und Durchsetzen der eigenen Meinung, bringen sich das Schließen von Kompromissen bei und üben so Konfliktlösungsstrategien. Ich denke, so ist es. Es fällt mir noch oft schwer, mich nicht einzumischen. Doch letztlich versuche ich, mich rauszuhalten und nur dann einzugreifen, wenn es darum geht, Grenzen zu wahren, die im Streit unter Geschwistern sowohl körperlich als auch verbal mitunter überschritten werden.

Je größer sie werden, desto mehr suchen sie ihren eigenen Weg. Dennoch: Geschwister haben einander.

Wir Eltern sollten da nicht parteiisch sein und uns heraushalten, soweit es geht. Aber später, wenn die Streithähne nach einem großen Streit mit Geschreie, vielen Tränen und Türenknallen auseinander gegangen sind und die Gemüter sich beruhigt haben, ist es sicher nicht falsch, sich die einzelnen Wahrnehmungen erzählen zu lassen und gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, wie sich der andere vielleicht gefühlt hat und wie seine Lösung denn aussähe.

Mein Fazit: es gibt kein Patentrezept. So unterschiedlich wie die Kinder und deren Eltern sind eben auch die Beziehungen untereinander. Auch die Anzahl der Geschwister wird eine Rolle spielen. Sicher gibt es bei mehr als zwei Geschwistern auch immer andere Geschwister, die schlichten können, Partei ergreifen werden, alles wieder zusammenbringen oder das Gemisch explosiver machen.

Gut zuhören und die Individualität stärken

Wir als Eltern können nur versuchen, alle Geschwisterkinder ernst zu nehmen, jedem gut zuzuhören und jedes in seiner Individualität zu stärken. Keines ist besser oder lieber oder vorbildlicher – und jedes Kind ist eigenständig. Wir sollten die Bindung der Kinder untereinander stärken und Verständnis füreinander wecken, anstatt Etiketten aufzudrücken wie: „die Große“, „die Kleine“, „die Sportliche“, „die Musikalische“. Denn was vielleicht positiv für den einen klingt, kann das andere Geschwisterkind ganz schön unter Druck setzen. Es geht für die Kinder auch immer darum, in den Augen der Eltern zu bestehen und für die Eltern gute Kinder zu sein. Kinder möchten, zumindest zunächst mal, den Eltern gefallen und tun alles Mögliche, um geliebt und akzeptiert zu werden. Und das schaffen wir auf jeden Fall: Einfach alle Kinder lieb haben und stolz auf die zu sein, die sie sind!

Und falls noch jemand zu diesem Thema ein tolles Buch sucht, welches die Kinder abholt und mit ihnen zwei Seiten der Geschichte durcherlebt, dem möchte ich Kirsten Boies Buch „Klar, dass Mama Ole lieber hat“ bzw. dreht man es um „Klar, dass Mama Anna lieber hat“ ans Herz legen.

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