Rabenmütter

Neulich empfahl mir ein Orthopäde eine Operation, die ich nicht nur wegen der zweifelhaften Erfolgsaussichten ablehnte. Sein Argument, dass ein zweimonatiger damit verbundener Arbeitsausfall unproblematisch wäre, da ich Baby und Kleinkind hätte (ah ja, die versorgen sich natürlich von selbst …)  und deshalb ja nicht arbeiten würde, rief bei mir ein irritiertes Stirnrunzeln hervor. Als ich erwähnte, dass ich Vollzeit arbeite, schaute er mich mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis an und fragte, ob mein Mann denn so wenig verdienen würde, dass ich arbeiten gehen müsse. Auf meine Gegenfrage: „Kennen Sie eigentlich keine Frauen, die gern arbeiten?“ erwiderte er ein
überzeugtes: „Aber man geht doch als MUTTER nicht freiwillig arbeiten!“ Hm, demzufolge wären also Ursula von der Leyen (Bundesarbeitsministerin und Mutter von sieben Kindern) und Juliane Kokott (Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof und Mutter von sechs Kindern) mit Gewalt zum Arbeiten gezwungen worden – ist mir irgendwie entgangen …
Neulich erwähnte ich meiner Mutter gegenüber, dass ich über das Ende des Mutterschutzes recht froh sei. Nicht, dass ich Langeweile hätte – es gibt mit Kleinkind, Baby, Haus und Garten mehr als genug zu tun – aber mir fehlt
schlichtweg die Anerkennung für diese Tätigkeiten und das soziale Umfeld in der Bank. Darauf erwiderte sie prompt: „Das verstehe ich, du bist ja auch keine typische Mama“. Das „typische Mama“ bezog sie dabei vor allem auf die
scheinbar untrennbar mit der Mutterrolle verbundenen Hausarbeiten. Das gab mir zu denken. Warum verbinden eigentlich so viele Leute - nicht nur in der Alterskategorie meiner Mutter - die Mutterrolle selbstverständlich und untrennbar mit Haushaltstätigkeiten? Papa kann schließlich genauso gut einkaufen und waschen wie Mama, und mancher Vater kocht weit besser als seine Frau. Wenn beide voll berufstätig sind, gibt es keinen Grund, warum nicht auch die familienbedingten Aufgaben und Hausarbeiten fair aufgeteilt werden sollten. Auch eine Haushaltshilfe ist nicht unbedingt Luxus, sondern manchmal schon rein wirtschaftlich schlichtweg sinnvoll.  
Mama kann ihre Kinder übrigens auch lieben, ohne begeisterte Vollzeithausfrau zu sein. Von Papa verlangt ja auch niemand, dass er perfekt einen Haushalt schmeißt, nur weil er Papa ist. Und die elterlichen Pflichten, allen voran der Erziehungsauftrag sind nicht als mütterliche Dauerpräsenz definiert.
Warum wird bei Flohmärkten in Kita, Schule und Hort als Standgebühr eigentlich so häufig ein Minibeitrag plus ein SELBSTGEBACKENER Kuchen verlangt? Ich kann prima qualitativ hochwertigen Kuchen SELBER KAUFEN und in der dadurch
eingesparten Zeit etwas Tolles mit der ganzen Familie unternehmen!
Natürlich ist es schön, wenn Mama ein Jahr oder auch länger Elternzeit nehmen kann, wenn sie das so möchte. Nur sollte das nicht absolut selbstverständlich sein und als Maßstab aller Dinge betrachtet werden. Und Mütter, die trotz und/oder - unter finanziellen Gesichtspunkten betrachtet - wegen der Kinder arbeiten gehen, sind deswegen noch lange keine „Rabenmütter“.
Ein ganz herzliches Danke bei dieser Gelegenheit an meine liebe Schwieger-mutter, die den größten Teil ihres Erwachsenenlebens Vollzeit – und zwar gern und freiwillig - gearbeitet hat. Ohne sie würde bei uns vieles nicht gehen. Ihre beiden Kinder sind übrigens trotz – oder vielleicht auch wegen?! – ihrer Berufstätigkeit prima gelungen ;-).  


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