Aller Anfang ist schwer

Emil sitzt an seinen Hausaufgaben. Er soll alle Buchstaben wiederholen, die er bisher gelernt hat. Mit der Zungenspitze zwischen den Lippen malt er hochkonzentriert Ms und Us und Os und natürlich noch viel mehr. Ich staune. In einer Woche ist das erste Halbjahr zu Ende und immer noch malen die Kinder die Buchstaben mehr, als dass sie wirklich schreiben. Nein, es geht mir im Grunde nicht darum, dass mir das Tempo nicht hoch genug ist. Schule wird früh genug anstrengend für die Kinder, da zerbreche ich mir keinen Kopf. Was mich einfach wundert, ist die Methode, lesen und schreiben zu lernen. Emil ist jetzt mein viertes Kind in der Schule und jedes dieser vier Kinder hat nach einer anderen Methode gelernt. Meine Älteste hat vom ersten Tag an mit ganzen Wörtern gearbeitet, die immer ausgeschnitten und dann in einem Kästchen gesammelt werden mussten. Aus diesen Wörtern wurden dann nach und nach immer längere Sätze gelegt. Schreiben haben die Kinder mehr oder weniger nach dem Wortbild gelernt, dass sie dadurch im Kopf hatten.
Das nächste Schulkind fing dann ganz klassisch mit einer Fibel an, die meiner eigenen Fibel nicht unähnlich war. I wie Igel und O wie Oma, dazu wurden die Buchstaben gemalt, gebastelt, ausgeschnitten, geknetet und sogar gestickt. Kind Nummer drei lernte eher Silben statt einzelne Buchstaben. Hier wurden wieder Kärtchen ausgeschnitten und diesmal mussten die Silben zu sinnvollen Wörtern ergänzt werden. Außerdem wurden die Worte so geschrieben, wie die Kinder sie hörten und das über mindestens zwei Schuljahre. Könich (König)und Kürche (Kirche) waren dabei durchaus erlaubt und wurden nicht verbessert. Und Emil?
Emil bekam eine sogenannte Anlauttabelle. Er lernt die Buchstaben überwiegend nach dem Gehör. Die Anlauttabelle besteht aus vielen Bildchen, jedes Bild steht für einen Buchstaben, wie z. B. D für Dino und A für Ameise. Unter den einzelnen Bildern steht dann der richtige Anfangsbuchstabe. Am Anfang bekamen die Kinder Zettel mit Bilderfolgen. Diese Bilder mussten auf der Anlauttabelle gesucht, laut ausgesprochen und dann die Buchstaben abgemalt werden. Der Name Emil bestand dann beispielsweise aus einem Elefant, einer Maus, einem Igel und einer Lampe. Umständlich, dafür schulte diese Methode das Buchstabenhören sehr gut. Ich mag heute nicht entscheiden müssen, welche Methode die beste, schnellste oder effektivste war. Meine Kinder kamen mit ihren jeweiligen Methoden gut zurecht. Aber was mich wundert, ist schon, dass innerhalb so weniger Jahre so viele verschiedene Methoden angepriesen und dann auch durchgeführt werden, schließlich bedeutet das ja auch jedes Mal wieder neue Bücher und neues Lehrmaterial für die Schulen und neue Ausbildung für die Grundschullehrer. Vermutlich ist die beste Methode zum Lesen- und Schreibenlernen einfach noch nicht gefunden. Anders kann ich mir dieses Hin- und Herspringen zwischen den Methoden nicht erklären.


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