Alle werden gefahren

Montags hat Emil erst zur zweiten Stunde Schule. Da sich mein Arbeitsplatz als Autorin zu Hause befindet, kann Emil diesen späteren Schulanfang auch zu Hause genießen. Fröhlich winkt er seinen Geschwistern hinterher, wenn diese das Haus verlassen und macht es sich dann noch einmal richtig gemütlich. Als ich ihn dann heute bat, sich jetzt fertig anzuziehen und seine Sachen zusammenzupacken, bettelte er: „Kannst du mich fahren?“
Davon abgesehen, dass ich schon am Schreibtisch saß und arbeitete, könnte ich ihn natürlich fahren. Ich bin ja da, das Auto steht vor der Tür, ich wäre in zehn Minuten wieder am Schreibtisch. Aber genau das ist der Haken: Der Fußweg
zur Schule ist maximal fünf Minuten lang und führt fast ausschließlich durch eine gemütliche Spielstraße. Es ist also absolut unnötig, diesen Weg mit dem Auto zurückzulegen. Emil jammerte: „Aber alle werden gefahren, nur ich muss immer
laufen.“
Das stimmt so natürlich nicht. In einem Punkt hat er allerdings recht: Viele Kinder werden gefahren. Zu viele. Und das, obwohl fast alle Kinder diesen ungefährlichen recht kurzen Fußweg haben. Und viele andere Kinder werden auch heute noch, einen Monat nach der Einschulung, von ihren Müttern zu Fuß zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Und das ist noch nicht alles: Wenn ich zufällig wegen anderer Termine an der Schule vorbeifahren muss am Vormittag, dann kann ich beobachten, dass zahlreiche Mütter ihre Kinder auch noch während der großen Pausen besuchen, grüppchenweise stehen sie dann am Zaun und beobachten ihre Kinder beim Spielen und Frühstücken.
Mir tun diese Kinder eigentlich leid. Ich finde, ein Schulkind sollte in der Lage sein, seinen Schulweg alleine zurückzulegen. Ein Schulweg ist ein kleines bisschen zusätzliche Bewegung, von der unsere Kids sowieso viel zu wenig
haben heute, ein kleines bisschen zusätzliche frische Luft. Man kann unterwegs Kastanien finden, Hunde am Zaun begrüßen, Katzen streicheln oder Freunde treffen. Ein Schulweg ist immer auch ein kleines Stückchen Abenteuer und das
sollten wir unseren Kindern nicht wegnehmen.
Gleiches gilt in meinen Augen für die große Pause. In der großen Pause wird gespielt und getobt, gekichert oder auch mal gebalgt. Wer möchte denn dabei ständig von seiner Mama beobachtet werden? Deshalb ist dieser Blogbeitrag heute ein Plädoyer für das Loslassen. Kinder können das alleine. Und es tut ihnen gut, das auch alleine zu dürfen. Emil ist dann letztendlich auch wieder zu Fuß losgezogen. Etwas maulend zwar, aber schon an der nächsten Ecke steht der erste Kastanienbaum. Und ich bin mir sicher, dass er mir einige Kastanien heute Mittag mitbringen wird.


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